Die Weichen richtig stellen
Von Kareen Klippert in der Zeitschrift wirbelwind von JAKO-O
(Lesedauer. ca. 5 Minuten)
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Lohnt es sich, ein Kind mit allen Mitteln in Richtung Gymnasium oder wenigstens Realschule zu treiben? Oder versperren ihm Eltern das Tor zu Glück und Erfolg, wenn sie es nicht tun? Was Ihnen hilft, für Ihr Kind den richtigen Weg zu finden.
Irgendwann in der Grundschule spüren auch die unbeschwertesten Kinder die Erwartungen der Eltern. Sonst gelassen wirkende Mütter und Väter werden zunehmend nervös und schielen besorgt auf die Noten ihres Sprösslings: Reicht es für das Gymnasium oder mindestens für die Realschule? Denn in vielen Bundesländern entscheiden Zensuren oder Beurteilungen der Lehrer und nicht die Erziehungsberechtigten, welche Schullaufbahn ein Kind einschlagen darf.
Angst, dass nach der Grundschule der Zug abgefahren ist
In Bayern zum Beispiel wächst die Zahl der Eltern, die Zeugnisse anfechten, um den Übertritt an das Gymnasium zu erzwingen. Kein Wunder: In den Augen vieler Mütter und Väter stellen sie mit der Wahl der Schule wichtige Weichen für Berufschancen und Lebensqualität: Gymnasium und Abi als Karrierestarter, Realschule als Basis für den Bürojob, der Hauptschulabschluss dagegen als fast nutzloses Papier. Da können Politiker und Bildungsexperten noch so oft auf die Durchlässigkeit des Systems verweisen, die Eltern wollen lieber den gradlinigen Durchmarsch. Denn der Weg nach unten ist nicht nur beim Bergwandern deutlich leichter als nach oben: In Bayern zum Beispiel steigen zehnmal mehr Schüler ab als auf.
Damit sich die Türen zum Gymnasium oder zur Realschule öffnen, investieren die Familien schon während der Grundschuljahre viel Zeit und Geld: Nachhilfe, Hausaufgabenbetreuung, Übertrittskurse. Kinder, deren Eltern sich nicht kümmern, haben schlechtere Chancen – jetzt und später beim Durchhalten an der weiterführenden Schule. Ebenso wie Sprösslinge aus unteren Schichten. Sie müssen deutlich besser sein, um überhaupt eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, wie die Grundschulstudie IGLU zeigt.
Der Druck geht an den Kleinen nicht spurlos vorüber: Kopf- und Bauchschmerzen, Schafprobleme, Appetitlosigkeit, Erschöpfung sind schon in den ersten Schuljahren keineswegs seltene Folgen. Ob die Belastung durch den Lernstoff oder mehr der Ehrgeiz der Eltern die Ursache ist, lässt sich kaum erkunden. Es braucht viel Einfühlungsvermögen, um an der Grenze zwischen Förderung und Überforderung rechtzeitig Halt zu machen.
Andererseits: Rund 750.000 Schülerinnen und Schüler wechseln jährlich von der Grundschule an die weiterführenden Schulen. Studien zeigen, dass sich die meisten Kinder auf die neuen Herausforderungen freuen und den Neuanfang gut bewältigen.
Welche Schullaufbahn einschlagen?
Gerade, wenn die Leistungen des Schulkindes keine eindeutige Empfehlung zulassen, müssen Mütter und Väter abwägen: Den Nachwuchs auf die „höhere“ Schule schicken und vielleicht jahrelang antreiben, unterstützen, motivieren müssen und dann ein Vierer-Abi für die Quälerei? Oder eine angenehmere Schulzeit, aber einen weniger angesehenen Abschluss in Kauf nehmen? Die Entscheidung dem Kind zu überlassen, ist nicht sinnvoll. Es übersieht die Tragweite nicht. Im Zweifel will der Nachwuchs einfach dorthin, wo die Freunde sind.
Wer hilft bei der Entscheidung?
Um die richtige Entscheidung zu fällen, sollten Eltern ausgiebig und rechtzeitig mit der Grundschullehrerin, dem Grundschullehrer ihres Kindes sprechen, empfiehlt Christiane Konnertz vom Marburger LernTeam. Die Lehrkraft sieht das Kind in der Klasse und im Vergleich mit den Altersgenossen. Außerdem kennt sie die Anforderungen der weiterführenden Schulen. Und Noten allein sagen nicht, ob die Leistungen mit viel häuslicher Unterstützung zustande gekommen sind oder „aus dem Handgelenk geschüttelt wurden.“
Sinnvoll sei es, ein Stärken-Schwächen-Profil des Kindes zu erarbeiten, am besten mit der Grundschul-Lehrkraft zusammen, rät Christiane Konnertz. Es sei dann oft leichter zu entscheiden, welcher Schultyp mit welcher Ausrichtung jetzt dem Kind die besten Chancen biete. Bei keiner Entscheidung sei der Weg für „Spätentwickler“ in Richtung Abi oder Realschulabschluss verbaut, betont sie.
Klick-Tipp:
Ausführliche, übersichtlich präsentierte Informationen zu allen Fragen des Übertritts sowie Wissenstests finden Eltern unter www.note1plus.de.
Was soll das Kind können?
„Vor allem müssen die Kinder selbst auf die ausgewählte Schule wollen“, sagt Christiane Konnertz vom LernTeam. „Sie müssen wissen, dass sie mit Anstrengung, mit Lernen und Üben Erfolg haben können und sie müssen auch Misserfolge aushalten können“. Nur mit Druck gehe nichts. Wenn die ehemals Kleinen in die Pubertät kämen, ließen sie sich von den Eltern ohnehin nichts mehr sagen und ständige Auseinandersetzungen belasteten das Familienleben, so die Expertin.
Wie die passende Schule auswählen?
Auf dem Land haben Eltern oft keine Wahl, in Städten ist das anders: Um aus mehreren möglichen die passende Schule zu finden, empfiehlt es sich, nicht nur aufgrund des inhaltlichen Profils und der Informationen auf der Homepage zu urteilen. Verschaffen Sie sich selbst einen Eindruck: Schauen Sie sich die Gebäude an, besuchen Sie ein Schulfest, beobachten Sie den Umgang miteinander auf dem Pausenhof und fragen Sie andere Eltern nach ihren Erfahrungen. Der gute oder auch schlechte Ruf einer Schule muss nicht mit der aktuellen Situation übereinstimmen.
Was ändert sich?
Beim Übertritt an eine weiterführende Schule stürmen auf die Kinder reichlich Veränderungen: viele verschiedene Lehrer, mehr Unterricht, neue Fächer, neue Mitschüler, mehr Lernstoff und oft mehr Hausaufgaben. Besonders im Gymnasium häufig auch mehr Frontalunterricht. Die Anforderungen an Motivation und Konzentration steigen und oft müssen die Kinder den „Notenschock“ verarbeiten, wenn die Zensuren in den Keller rutschen. Vor allem am Gymnasium sind von Anfang an viel Eigenverantwortung, selbstständiges Lernen und abstraktes Denken gefragt.
Wie auf den Übertritt vorbereiten?
„Das hängt vom Kind ab“, so Christiane Konnertz vom LernTeam. Wenn der Nachwuchs keine Probleme hat, könne man den Schulbeginn auf sich zukommen lassen. Wenn der Sprössling aber selbst unsicher sei, sollten die Eltern Mut machen und die Veränderung als Herausforderung darstellen. Die Grundschullehrkraft könne außerdem Tipps geben, welche Wissenslücken vor dem Übertritt noch geschlossen und welche Lerntechniken geübt werden sollten.
Relativ gut …
„Alle Eltern versuchen, gute Eltern zu sein. Das ist nicht einfach und gelingt selten problemlos. Fehler sind menschlich und erlaubt. Es reicht Kindern, eine relativ gute Mutter und einen relativ guten Vater zu haben. Kinder wünschen sich, dass ihre Eltern auch mit ihnen als relativ gutem Kind und mit einem relativ guten Schulverlauf zufrieden sind.“
Oberstudienrat Klaus Ottich und Schulpsychologe Dr. Walter Kowalczyk zur Wahl der richtigen Schule
